Die letzten Meter

Es sollten die letzten 42.195 Meter dieses 24. Marathon des Sables werden. Die letzte Etappe wurde wie die erste ersatzlos gestrichen. Das hieß alles raus aus dem Rucksack und so leicht wie möglich starten. Josef und ich lagen nach der ausgewogenen Leistung auf der Ultraetappe ausgezeichnet unter den Top 90. Die Beine waren erholt und so stürmten auch wir heute mit der Meute los. Mit der richtigen Taktik wäre bestimmt noch eine Verbesserung möglich. Das Feld zog sich wie an den Vortagen rasch auseinander und strebte dem ersten Anstieg zu. Tempo raus und beim Abstieg auf jeden Tritt achten. In einer dieser nun wieder folgenden Steinebene konnten wir schon von Weitem den ersten Checkpoint ausmachen. Wie bei einem Marathon, wenn es auf jede Sekunde ankommt, nur kurz Wasser nachfüllen und den nächsten Anstieg hinauf. Alles lief wie am Schnürchen, wir dürften uns so um Platz 70 bewegt haben. Ein kleines Zwicken im rechten Knöchel, nicht der Rede wert. Nach knapp 200 Kilometern darf sich der Körper schon einmal bemerkbar machen. Ruhig und vor allem locker bleiben, wird schon wieder vergehen. In den nächsten Dünen schien die Luft zu stehen und so kam Checkpoint 2 gerade recht. Bei jedem anderen Marathon hätte ich mich nun an den Rand gesetzt und der vorbeiziehenden Masse applaudiert und sie angefeuert, aber sollte mich so kurz vor dem lang ersehnten Finish ein mittlerweile zur Unkenntlichkeit angeschwollener Knöchel aus dem Rennen werfen? Mitten in der Wüste in der Nähe eines kleinen Dorfes querten wir einen Fluss, in dem Kinder spielten. Eine weitere Verlockung sich auszuruhen und die Füße ins kühlende Nass zu halten. Noch acht Kilometer. Es ging bergan und die Landschaft lud geradezu ein, die Gipfel leichtfüßig zu erklimmen. Was die Veranstaltung ausmacht ist die unglaubliche Kameradschaft. Ein vorbeikommender Engländer lieh mir selbstlos seine Walkingstöcke und gab mir dadurch die Möglichkeit, die Ziellinie zu sehen. Er sollte ironischer Weise am Ende in der Gesamtwertung einen Platz hinter mir landen. Unter die ersten 100 zu kommen, hatte ich bereits enttäuscht abgeschrieben. Aber wenigstens Josef sollte es schaffen. Jedoch wollte er mich nicht in diesem Zustand alleine zurücklassen. Was blieb da anderes übrig als die Zähne zusammen zu beißen? Noch vier Kilometer und oben von der Bergkette konnten wir am Ende der Ebene das Bivouac erkennen. Es war bitter auf der Zielgeraden permanent überholt zu werden, statt selber dem Flow zu erliegen und statt freudestrahlend schmerzverzerrt einen Schritt nach dem anderen zu machen. Jeder hat einen schlechten Tag beim Marathon des Sables, so eine alte Weisheit. Aber mussten es gerade diese letzten Meter nach all der langen Vorbereitung, nach Läufen in Schnee und Kälte, nach der Arbeit irgendwann im Dunkeln sein? 

Comments

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

System message:

Please enable Javascript in your browser and make sure that you have installed the latest Adobe Flash Player which can be downloaded at http://get.adobe.com/de/flashplayer/ for free!

Your X-BIONIC / X-SOCKS Team