Tag 5 – Kämpfen-bis-um-Acht-Tag (Traumwetter Tag)

Pisogne – Marone – Croce di Marone – Colonno Nuovo – Lividino Alta – Valle Caregno – LA Roda – Forcella di Pezzoro – Lavone – Bovegno – Collio – Passo Maniva Mit etwas Grappa Geschmack im Mund wachen wir auf und stellen fest, der der frühe Morgen schon vorbei ist. Gestern hatten wir mit Didi und Peter noch vereinbart gemeinsam zu fahren (damit sie heute wirklich auf dem richtigen Weg ans Ziel kommen), doch unten im Frühstücksraum sind die Plätze leer. Die zwei sind schon wieder auf Ihrem Track, oder das, was sie dafür halten. 8.10h kein Grund zur Hektik, wir genießen ein Breakfast, das weit über Zwiebackteile hinaus geht und lassen uns nicht stressen. 9.23h Abfahrt. Gscheit spät. Das werden wir wieder büßen müssen. Die Bike Wear duftet frisch und ist über jeden Zweifel erhaben. Wir füllen uns sauwohl in der Bib Short, dem X-Bionic Shirt und den X-Bike-Socks, die Bandanas haben schon literweise Transpiration weiter transportiert. Wir sind bestens gerüstet für einen weiteren Traumtag.   Der perfekt beginnt. Wir rollen die ersten 10 Kilometer an der Uferstrasse des Lago Iseos entlang. Wunderschön. Radweg, Ufer, See, Berge, blauer Himmel, nur das graue Zementwerk auf der anderen Seite passt nicht so recht ins Bild. Wir durchqueren noch ein paar schöne Tunnel, dann weist das nächste relevante Schild nach links: Zona. Wo Zona draufsteht, wird es auch nach Zona hinführen. Also links, dann hoch. „Ey! Nicht schon wieder. Großer Gott.“ Wir können den blauen Himmel nicht mehr sehen, nur noch das Ende der ultrasteilen Auffahrt in dieser schmalen Gasse. Das darf nicht wahr sein. Wir kommen nur wenige Meter weit, dann müssen wir absteigen und schieben. Das tun wir auch, solange bis uns der Weg hier in Italien spanisch vorkommt. Da stimmt was nicht. Didi und Peter sind hier vielleicht gefahren, aber wir machen keinen Meter mehr. Die Kompass Karte gibt uns Recht. Wieder runter das ganze. Noch mal Glück gehabt. Der Abzweig nach Zona liegt auch 200m weiter vorne. Nun stehen knapp 1100 Höhenmeter auf dem Programm. Nicht sonderlich schwer, aber in der Unnachgiebigkeit ohne Flachstücke durchaus schweißtreibend – aber wir wollen es ja nicht anders. Super einsam hier – immer wieder mit einem traumhaften Blick zurück auf den Lago Iseo. Wir kurbeln hinauf, schön gleichmäßig, jeder nach seinem Gusto (und unser Gusto ist erstaunlich gleichartig). Mittendrin einmal einen Seitenbacher und einen Schluck Xenofit und alles ist möglich.   Bei Colonno Nuovo (1152m) zur Mittagszeit machen wir erstmal ordentlich Rast. Wir ordern Lasagne, zwei Radler und am Ende der Siesta kredenzt uns die Herbergsmutter noch zwei Limocelli. Perfekt.Hinauf nach Lividino Alta (1330m) heißt es wieder einmal schieben, tragen, lupfen aber oben angekommen werden wir mit einem wunderbaren Panorama versöhnt und der Ausblick auf den kommenden Trail am Hang entlang macht ebenfalls Laune. Unvermittelt taucht ein Schäfer mit seinen zwei Hunden auf. Ein Kerl von einem Mann, mit Hirtenstab und einem rustikalen Charisma, das ihn umweht. Werner und der Schäfer kommen ins Gespräch, wir lassen uns die Wegführung erklären. Oben auf dem Kamm des Gipfels stehen beide, die Karte in der Hand, das Auge übers Land. Eine wunderbare Szene. Vergiss Dein GPS, so kommt man auch vorwärts.   Wir müssen hinunter nach Pezzoro und dann nach Lavone (503m), das bedeutet 800m abschmelzen und runterrubbeln. Ok. Doch zuvor folgen wir der „Schäfer“-Wegbeschreibung, die uns wunderbar hügelig über die Dörfer führt und von einem steten auf und ab begleitet wird, nachdem es zunächst wieder einmal richtig saftig in die Steilhanglage auf grobem Schotter ging. In Lavone angekommen, die Uhr schlägt schon wieder 16x, entrümpeln wir unsere Rucksäcke und verspeisen Pfirsich und die Hotel-Semmeln von heute morgen. Auf uns wartet jetzt „nur“ noch der Passo Maniva auf knapp 1700m. Richtig gerechnet. Das heißt abermals eintausendzweihundert Höhenmeter hinauf. Crosser Virus. 16.30h, Werner komm, lass krachen, vielleicht schaffen wir es wieder bis zum Sunset. Zunächst geht es bis nach Collio relativ moderat auf der Strasse bergan, wir kurbeln, haben unseren Rhythmus sofort wieder gefunden. Also, Umdrehung für Umdrehung. Meditation ist das. So wie bei Hape Kerkeling: wenn man irgendwann mal nichts mehr denkt, dann setzt der Flow ein. Werner geht in den Wiegetritt und fällt auf einmal abrupt nach hinten ab. Oh, oh. Plattfuss vorne. Ursache unbekannt. Routiniert ergreifen wir unsere Tools, jeder Handgriff sitzt, Schlauch raus, Schlauch rein, während dessen Loch flicken, Zack und weiter geht’s. 2:1 für Werner. In Collio schmeißen wir noch einmal Doping nach. Seitenbacher für Udo, Xenofit für Werner, mein Gel hebe ich mir noch auf. Es ist 18 Uhr. 900 Höhenmeter fehlen noch bis zur Endabrechnung. Es wird steiler, die Kehren eindeutiger bergweisend, der Buckel langsam unsympathisch. Meine Körner schwinden, Werner macht ein paar Meter gut, es ist zäh, es ist hart. Die gesamte Auffahrt wird ein Kampf werden. 19.00h, 450 Höhenmeter sind vernichtet, noch lange nicht oben. „Werner, Stopp, ich brauch mein Gel, ey, so langsam spür ich die Grenze in mir.“   Die Karawanne, bestehend aus zwei einsamen Bikern, zieht weiter. Abermals Kehre für Kehre. Ab und an aus dem Sattel, Rücken entlasten, nur gleichmäßig kurbeln, im Wiegetritt treibt es den Puls immer wieder nach oben, hinsetzen, schnaufen, weitermachen …. Nur noch 300 Höhenmeter. Kurzum: es ist ein ganzes Stück Arbeit. Zäh und anstrengend. Als wir – erneut – gegen 20h am Dosso Alto ankommen, bin ich persönlich fix und malle. Werner scheint Rückenwind gehabt zu haben, oder Adrenalin. Für mich reicht es. Tag Ende. Essen, schreiben, duschen. In der Reihenfolge, nein, vorher noch etwas trinken. Ein kühles Bier bitte. Im Inneren des Gasthauses knistert das Kaminfeuer. Grad recht. Der komische Kauz mit schwarzer Sonnebrille und ultragroßem Cowboy Hut sowie Schneejacke passt nicht direkt ins Ambiente, aber er stört uns nicht weiter. Das Dinner ist phantastisch. Es gibt Pasta satt, Salat, Gemüse, alles was das Herz begehrt. Mein Herz begehrt nicht mehr. Meine Muskeln und Glieder sind jedoch müde und matt. „Werner ich geh Heia … weck mich morgen früh.“

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