Tag 4 – Sunset Tag (Edelmannwetter Tag)

Rif. Alpe Corte – Valcanale – Ponte delle Seghe – Valbondonie – Lizzola – Astra Alta – Passo delle Manina – Nona – Dezzo di Scalve – Palline – Angolo Terme – Monti - Pisogne   Wir schälen uns aus unserem 1x-Schlafsack und der kratzigen Wolldecke. Hunger. Wir steigen hinab, in freudiger Erwartung. Das Grinsen gefriert uns. Es liegen insgesamt 3 Zwiebäcke in unserem „Brot“körbchen. Butter, Croissants, Nutella ? Fehlanzeige. Ähm? Erst auf Nachfrage gibt uns die nette augenzwinkernde Dame noch etwas Brot von gestern, sogar ein Stück Butter. Nachdem wir gestern schon das Stück „Hack“ als „wie Hund“ identifiziert hatten (die Pasta vorweg war aber gut), ist dies ein weiterer kulinarischer Tiefschlag in den Crosser-Magen.   Nach Ponte delle Seghe führt die ruppige mit groben Schotterabschnitten durchsetzte Piste. Wobei „führen“ ist ein unzutreffendes Wort. „Fallen“ oder genauer „abfallen“ wäre korrekter. Das Ding sinkt geradezu in die Erde, mindestens 28% Gefälle, der Hammer – zu allem Überfluss kommt uns bergan noch der Koch des Hauses in seinem 4x4 Panda entgegen, und ächzt mit zwei älteren Damen auf der Rückbank mühsamst den Berg hinauf. Unglaublich.   In Ponte delle Seghe müssen wir nun links bis nach Lizzola hoch. Während wir, wie immer die Kompasskarte konsultieren, frozzelt in unserem Rücken in bestem Allgäuerisch Didi: „Ey, Jungs, ihr seids scho richtisch, da müssen wir nämlich auch lang!“, spricht es und grinst breit. Großes Hallo, Didi und Peter, die Navigationsexperten.   Wir kurbeln also ein stückweit gemeinsam des Weges, und jeder erzählt so seine Alpencross Geschichte. Beide starteten am Rif. Tavecchia – mangels besseren Wissens, genau in die Richtung, die ich auch auserkoren hatte. Bloß pfiff sie keiner mehr zurück. D.h. die Jungs sind die gesamte Talschneise hinauf um irgendwann festzustellen “also auf dem GPS Track sind wir nimmer” und dann, weiß der Teufel wie genau, dann doch den Buckel noch ein Stück mühsamer als wir zu erklimmen und sich zu wundern, warum wir zwei Ihren Weg nicht kreuzen. Tja.   In Lizzola eine gemeinsame Rast, dann verabschieden wir uns bis zum vermeintlich nächsten Stopp. Die Jungs haben mächtig Bums in den Beinen und sind mitunter eine Kurbelumdrehung schneller. Wenige Minuten später sitzen auch wir wieder im Sattel. Los geht’s. Die erste Rampe ist brutal, irgendwo zwischen 26-und 28% bringt sie die Schenkel zum Glühen, aber das geht vorüber und der Weg in Richtung Astra Alta mäßigt sich schnell wieder. Vorbei an einem großen Jugendzeltlager, Tipis und romantischen Feuerstellen geht es auf dem Schotterweg, bis dieser unvermittelt wegknickt und über die Grasnarbe nach oben weist. „Werner? Schieben?“ meine Miene verfinstert sich, Werner schaut treudoof als könne er kein Wässerchen trüben „ja ah, aber nur 600 Höhenmeter“. Wir nehmen also die Pfadspur auf, zunächst noch grenzwertig fahrbar, weil steil, später verjüngt sich der Weg dann zu einer einzigen Schmalspur. Die Schiene einer Modelleisenbahn hätte hier gut Platz, mit etwas Mühe auch unser Nobby Nic, aber Bike & Pilot? Vergiss es. Herrschaft, geht das wieder los. Wir schieben, schuften, schnaufen. Mühsam geht es voran.   Die Kapelle auf dem Sattel des Berges erwartet uns bereits und sie liegt ganz friedlich inmitten der grünen Wiese. Wir rasten, nehmen einen Riegel zu uns und starren mit latenter Schnappatmung ins Tal. Die zwei Punkte die ich vor ca. 45 Minuten im Tal noch wahr genommen hatte, sind bereits wieder in Vergessenheit geraten und irgendwie wundern wir uns auch nicht, dass Didi und Peter uns nicht noch weitere Steine in den Weg gelegt haben. Fairplay unter Bikern. Ehrensache.   Über die Kuhwiese geht es hinab bis nach Nona und später nach Val Minora, wo wir endlich einmal den Anker werfen um „richtig“ zu rasten. Kein Konditor, nein, es darf ruhig ein Ristorante sein. Auch verlangen meine Bremsen nach etwas Pflege, vielleicht sollte man doch einmal darüber nachdenken einen neuen Satz einzubauen. Während Werner ordentlich Pasta und zwei Radler ordert, mache ich mein Centurion klar. Die Spaghetti sind perfekt, die Stimmung gut, die Bedienung sehr sehenswert, der abschließende Cappuccino sogar ein Geschenk des Hauses. Na, das ist doch wunderbar. Satt und zufrieden starten wir das Nachmittagsprogramm.   Hinunter nach Dezzo auf 752m  und wieder über beschaulich schöne Wege zur nächsten Kapelle nach St. Bartolomeo auf 1167m. Klingt halbwegs leicht, ist es auch. Auch dort legen wir einen kurzen Stopp ein, genießen die Zeit und den Ausblick und bereiten uns zum Endspurt vor.   Lieber Leser, vergiss alles, was Du in deinem Leben bisher über steile Abfahrten gelesen hast, vergiss auch den Kindergeburtstag von heute morgen (hinunter vom Alpe Corte), sondern merke: steil, also wirklich steil im Leben ist nur der Weg hinunter von Bartolomeo nach Angolo Terme. Ja, hast Du so was schon gesehen? Nein. Wenngleich der Weg weitgehend befestigt, also mit schlampig aufgegossenem Asphalt versehen ist, meiner Schätzung zufolge neigt er sich mehr als 30% hinab und das über längeren Zeitraum. Meine Bremsen (neue Beläge) schreien und kreischen, als ob ich Ihnen mit dem Messer langsam die Hauptschlagader zu durchtrennen drohe. Werner donnert ins Tal und ruft mir noch zu „dafür sind sie gemacht, dass sie bremsen, wenn´s drauf ankommt“. Toll. Meinen Schrei „Plaaaaaaaaaaatten“ hört er aber noch, kehrt um, grinst und sagt: „1:1“ Wir flicken schnell, während der Ersatzschlauch aufgezogen wird, wird der defekte schon wieder saniert. Teamwork.   Sinkflug Teil zwei wird begleitet von andauerndem Gekreische meiner Discbrakes. Angolo Terme, der Weg nähert sich der Normalität, mein Puls ebenfalls. Gut so. Andererseits: diesen Weg hinauf wünsche ich nicht meinem ärgsten Feind. So, wir haben wieder einmal – diesmal sprichwörtlich – knapp 800 Höhenmeter verschmorrt. Jetzt müssen wir nur noch Strecke und ein paar Höhenmeter machen. Klar, es ist ja auch erst früher Abend. Hinauf nach Monti geht es über eine entspannte Teerstrasse, die man nur abzuarbeiten braucht und – wenn geschafft – dann wieder wunderbar hinunter ins Tal in Richtung Lago Iseo gleiten darf. Die Abfahrt ist eine Wucht und gemessen an dem Ding von vorhin, reinster Genuss, nur ab und zu eine ordentliche U-Kehre, sonst nur Sinkflug. Wunderbar.   Die letzten Kilometer bis Pisogne und dann sind wir nach 93 Kilometern mit dem Kirchturmschlag um 20h am Ufer des malerisch gelegen Lago Iseo und genießen ausgiebig das Naturschauspiel eines wunderschönen Sonnenuntergangs.   20.30h, ein Hotel wäre nicht schlecht. Das 4* Hotel Pieve ist nicht das günstigste, aber ein sehr schönes. Wir buchen. Der freundliche Hotelier fragt in gebrochenem Deutsch, ob wir auch zum Team gehören? Wir verneinen, sind wir doch fast die einzigen Biker auf dieser Route. Erst unten in der Bike Garage sehen wir die Scott Bikes von Didi & Peter – diese Schufte, schon wieder vor uns am Ziel.   Story No2 von Dietmar und seinem Bruder ist schnell erzählt. Ja, sie sind 5 Minuten vor uns gefahren und haben den Abzweig auf der Grasnarbe übersehen, sind dann natürlich dem Weg weiter gefolgt, obwohl sie sich schon wunderten auf dem GPS Gerät wieder keinen Track mehr sehen zu können. Das wäre ja noch verständlich, dass sie dann aber bis auf 2000m (!) hinauf kraxeln um zu merken, an einer Sackgasse zu stehen, ist einfach nur bitter. Das man sich dann völlig verausgabt, um wieder hinunter und den Trampelpfad hinauf zu unserer Kapelle (dort waren wir gegen 12h) zu bewältigen ist selbstredend. Didi und Peter waren um 17h völlig entkräftet am Bergsattel und mussten sich dann für den Chicken Way ins Tal und um den Buckel herum entscheiden. Entsprechend geschafft sitzen sie nun an unserem Tisch und geloben „2011 fahren wir nur mit Karte“. Wir spendieren mindestens eine Runde Grappa. Prost.

Comments

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

System message:

Please enable Javascript in your browser and make sure that you have installed the latest Adobe Flash Player which can be downloaded at http://get.adobe.com/de/flashplayer/ for free!

Your X-BIONIC / X-SOCKS Team