Tag 2 – Schallmauer Tag (Kaiserwetter Tag)

Vezzia (Lago Lugano) – Canobio – Val Colla – Passo St.Lucio – Buggiolo – Carlazzo – Menaggio – Varenna – Bellano – Taceno – Introbio – Rif. Tavecchia Der Wecker holt uns zurück in die Wirklichkeit und nach einer kurzen Dusche und Recken aller Glieder erwachen auch die Lebensgeister langsam. Das Frühstück ist perfekt, Müsli, Obst und anständiges Brot mit energiespendendem Nutella. Das amerikanische Ambiente und die nette Deko des Hotels tragen zum Wohlfühlklima bei. Canobio und Val Colla sind unsere ersten Etappenziele. Eine Passstraße, die relativ moderat bergan führt wird zunächst für unspektakulären Untergrund sorgen. Wir kurbeln und schrauben also zum Warm-Up. Der Schotterweg nach St. Lucio wird jedoch steil und die darin enthaltenen Furchen sind garstig. Teils vom Regen ausgewaschen (das muss wohl letzte Woche gewesen sein, heute strahlt die Sonne und die Wolken sind unschuldigst weiß) teils einfach nur mit losen Steinen und buckeligen Rampen versehen ist die Auffahrt zum Rif. Lucio schlichtweg mühsam.   Oben angekommen, heißt es „rasten“ und den Ausblick genießen, jedoch nicht allzu lang: unser Pensum heute ist noch üppig. Klartext: ruppig hoch = ruppig runter. Arbeit die jedoch nahtlos in Teerschrubben übergeht. Comer See, der dritte Lago ist erreicht. Wir grinsen. Seepanorama und Uferblicke gepaart mit wunderschönen Bergkuppen: Biker, was willst Du mehr. Das Timing scheint perfekt. Der Dampfer hinüber nach Varenna legt in 2 Minuten ab, also schnell Ticket lösen (4,40€ per Person/Bike) und ab die Post.     Doch mitnichten. „Nein, dieses Schiff nimmt keine Biker mit, das nächste geht in 40 Minuten, also um 14.45h. Auch gut, also nutzen wir die Zeit und schauen uns Land und Leute an, posen mit unserem wunderbaren Bike direkt vor einem nicht weiter beachtenswerten Ferrari und dessen Beilagen (Silikon satt).   Mein Centurion und ich :) ... Die viertelstündige Überfahrt genießen wir im Fahrtwind und fühlen uns wie glückliche Weltreisende. Auf der anderen Seite in Varenna angelangt muss Werner sich erst einmal wieder neu einnorden. Karte falten, Wegführung checken, Datenabgleich. „Udo schau mal, wir müssen da lang“. „Aha, ok“. Dann die Erkenntnis: Was? Wie bitte? Noch soviel Höhenmeter am Ende des Tages? Ey, schaffen wir das? Mittlerweile ist es bald 16.00h und allein der Weg bis nach Introbio verlangt uns schon wieder rund 400 Höhenmeter ab, wenn wir dort sind stehen erneut 900 (in Worten „neunhundert“) vertikale Meter auf dem Programm. Wollten wir nicht einmal vor der Tagesschau an einem Endziel ankommen?   Eine alte überlieferte Alpencrosser Weisheit lautet: „Der Weg ist das Ziel und letztlich muss man immer durch“. Ob jetzt oder später, wir müssen da hoch und – Ehrensache – geschummelt wird nicht. Also pedalieren wir die Passstrasse hinauf nach Introbio. Die Fußsohlen beginnen zu brennen, der Rücken schmerzt, die Sonne knallt, die Schweißtropfen rinnen. Kurzum es ist einmal mehr mühsam. Kurz vor 18h landen wir in Introbio und wissen: es hat sich nichts, aber auch gar nichts an der Ausgangslage geändert: wir haben noch 900 Höhenmeter auf 8 Kilometer vor uns. „Werner, ey ….!“ Meine Angst bleibt unausgesprochen in der Luft hängen. Was hilft´s, wir gehen in die Spur bis zum Einstieg und der Wegweisung „Rif. Tavecchia“. Doch was ist hier los? Unzählige PKWs, Land Rovers und ähnlich offroad-taugliches Gefährt pendelt scheinbar im Shuttle Modus hoch und runter. Es herrscht reger Verkehr. Jonas (mein pers.Engel) schickt uns einen grünen älteren Landrover mit ebenfalls älterem, weise lächelnden, Herren. Warum dieser Land Rover direkt vor unserem Rocket Ron zum stehen kommt, wissen wir nicht, es ist letztlich auch egal. Immerhin haben wir so die Chance den Taxi-Driver anzusprechen:„Buona serra, palare Alemagne?“„Si, si“… na prima, das erleichert die Sache ungemein, die Frage geht uns leicht von den Lippen: „ähm, fahren Sie zum Rif. Tavecchia?“„Si!“, antwort der gute Mann milde und vorausahnend grinsend.„Ähm“, etwas Verlegenheit kommt ins Spiel, „…könnten Sie unsere Rucksäcke mitnehmen?“„Si, si“Uns fällt der Rucksack vom Rücken oder besser ein Stein vom Herzen. Die 900 Höhenmeter sollen nur kommen. Etwa 6-7kg leichter (die Geldbörsen haben wir herausgenommen, alles andere vom Pass bis zur Zahnbürste vertrauensvoll im Deuter hinterlassen) tritt es sich ungemein rückenwindig, wenngleich der Anstieg stet und unnachgiebig ist. Aber 8 Kilometer sind auf diese Weise zu packen, wäre doch gelacht. Die sich lang und scharf ins Tal schneidende Schneise offenbart ein schroffes Bild, ein wilder Bachlauf hier, steile Flanken dort, rustikale Natur allerorten. So kommen wir voran, langsam, aber immerhin. Die zuvor mit dem Fahrer imaginär abgeschlossene Wette „maximal una mezzo ore“ unterschreiten wir passabel. Start war um 18.20h, um Punkt 19.30h stehen wir am Tresen und ordern ein großes Radler. „Respekt“ sagt der gute alte Mann, nicht ohne sich den Hinweis zu verkneifen, dass der Rekord beim alljährlichen Tavecchia Rennen eigentlich aber bei 38minuten liegt. Ja ja, ist ja schon gut. Eine schnelle Dusche und dann heißt es „mangiare“. Julio der Wirt legt sich mächtig ins Zeug. Ungefragt kredenzt er alles, was im Hause ist. Wasser, Vino, Birra, Salat, Vorspeise, Pasta (auf Wunsch gerne auch mit Nachschlag), Gemüse, Hauptspeise (u.a. Kaninchen), Dessert und zu guter Letzt natürlich noch allerfeinsten Grappa bzw. eine Vecchia Romagna, je nachdem, was man bevorzugt. An unserem Tisch sitzen Didi und Peter aus Kempten, die einzigen zwei Biker, die in dieser Woche unseren Weg noch 1x kreuzen werden, und denen im Laufe der nächsten Tage noch ein besonderes Missgeschick widerfahren wird. Der Abend endet, wie der Tag begann. Perfekt und mit müden Lebensgeistern.  

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